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Aus: Nachr. entomol. Ver. Apollo, N.F. 17 (4): 434–436 (1997) –– © 1997 by Entomologischer Verein Apollo e.V.

Buchbesprechung (Book review)


Nässig, W. A., Lampe, R. E. J., & Kager, S. (1996): The Saturniidae of Sumatra (Lepidoptera). — Heterocera Sumatrana 10, 174 S., 23 Farbtafeln, 8 SW-Tafeln, Format 16,5 × 24 cm, broschiert. ISSN 0724-1348, ISBN 3-925055-09-6. Preis DM 85,— zuzüglich Versandkosten, erhältlich bei der Heterocera Sumatrana Society, c/o Prof. Lutz Kobes, Kreuzburger Straße 6, D-37085 Göttingen, oder im Fachbuchhandel.

In den letzten 20 Jahren wird das Problem der „Biodiversitätskrise“, also des anhaltenden, durch menschliche Siedlungs- und Wirtschaftstätigkeit verursachten Schwundes der natürlichen Artenvielfalt auf unserem Planeten, immer drängender und hat — spätestens seit der UN-Konferenz in Rio — auch die Medien und Meinungsbildner in der Gesellschaft erreicht. Ein wesentliches wissenschaftliches Defizit in dieser Diskussion ist, daß wir trotz bald 250 Jahren systematischer Forschung immer noch nicht einmal die Größenordnung der Anzahl rezent lebender Organismenarten angeben können — sind es 5, 15 oder über 50 Millionen Arten? Vor allem die so sehr bedrohten tropischen Regenwälder, und hier insbesondere die wenig erforschten Kronenräume der Waldriesen, beherbergen eine immense Artenfülle, die taxonomisch noch kaum erfaßt ist. Nur für wenige Taxa, unter den Insekten beinahe nur für die Tagfalter, gibt es systematische und faunistische Bearbeitungen auf einem Stand, der realistische Schätzungen des Artenbestandes erlaubt — und damit die Beurteilung anthropogener Veränderungen überhaupt erst möglich macht. Seit nunmehr etwa 15 Jahren bemühen sich einige Entomologen, eine solide systematische und faunistische Bearbeitung auch der Nachtfalter Südostasiens vorzulegen, und zwar parallel (und in vielfacher Wechselwirkung miteinander) Dr. Jeremy D. Holloway (London) für die Insel Borneo und die „Heterocera Sumatrana Society“ für die benachbarte Insel Sumatra. Aus der Veröffentlichungsreihe der letztgenannten Vereinigung ist nun ein neuer Band erschienen, der die Saturniidenfauna Sumatras zum Gegenstand hat.

Wegen ihres ästhetischen Reizes und ihrer teils beachtlichen Größe, aber auch wegen der Nutzung mancher Arten als Lieferanten von Wildseide, genießen die Saturniidae traditionell ein reges Interesse seitens der Entomologen. Deshalb ist der Kenntnisstand zu dieser Nachtfaltergruppe vergleichsweise gut. Auf 174 Seiten werden die 24 von der riesigen tropischen Insel Sumatra bekannten Arten vorgestellt. Dabei bildet die systematische Abhandlung der Arten den Hauptteil des Büchleins (110 S.), gefolgt von einem umfangreichen Appendix I (46 S.) über die Biologie und Morphologie der Präimaginalstadien, einer Literaturliste, einem Index und einem kurzen Appendix II über Antheraea diehli. Die Einleitung zum systematischen Hauptteil enthält neben einem kurzen Abriß zur Historie der Saturniidenforschung einige sehr lesenswerte Abschnitte zur Zoogeographie. Es folgt ein kurzes Kapitel zur Ökologie Sumatras und anschließend die Vorstellung aller Gattungen und Arten, die bislang von Sumatra und seinen kleinen Nachbarinseln nachgewiesen wurden. Den Abschluß dieses Hauptteils bilden 15 Farbtafeln, auf denen alle Arten in natürlicher Größe abgebildet sind, und 7 Schwarzweißtafeln mit einer Kartenskizze sowie Fotos beziehungsweise Zeichnungen, vor allem von diagnostisch wichtigen Genitalapparaten.

Dem Appendix I ist eine Einleitung mit generellen Bemerkungen zur Larvalbiologie und zur Zucht von Saturniiden in Gefangenschaft vorangestellt, dem wiederum eine systematische Abhandlung aller Taxa folgt, zu deren Präimaginalbiologie die Autoren irgendwelche Informationen ausfindig machen konnten — teilweise in geradezu detektivischer Kleinarbeit recherchiert. Besonders ausgiebig wird die vielfältige und taxonomisch schwierige Gattung Antheraea behandelt. Acht Farbtafeln mit Fotos von Eiern, Raupen und Kokons illustrieren diesen Appendix. Das umfangreiche Literaturverzeichnis enthält neben vielen systematischen und faunistischen Zitaten auch eine Auswahl von Arbeiten zur Ökologie und Physiologie der Saturniidae. Im Index sind ausschließlich Taxonnamen aufgeführt, und zwar bedauerlicherweise Insekten- und Futterpflanzentaxa gemischt. Mit welcher Berechtigung der abschließende Appendix II in eine synoptische Abhandlung der Saturniidenfauna Sumatras aufgenommen wurde, entzieht sich dem Rezensenten. Die wenigen darin mitgeteilten Beobachtungen hätten mühelos in wenigen Zeilen in den Hauptteil integriert beziehungsweise als separate Kurzmitteilung anderweitig publiziert werden können — im gegebenen Zusammenhang fällt dieser Appendix II störend ab.

Insgesamt bieten die Autoren eine umfassende Darstellung der Saturniidenfauna Sumatras, die durch umfangreiche und reproduktionstechnisch sehr gelungene Illustrationen (Habitus und Genitalapparate) die Bestimmung der meisten Funde erlauben dürfte und damit eine wesentliche Grundlage, etwa für künftige ökologische Bestandsaufnahmen oder Detailstudien, liefert. In die Darstellung sind vor allem detaillierte systematische, taxonomische und nomenklatorische Recherchen eingeflossen, so daß in dieser Hinsicht kaum Wünsche offen bleiben. Für die „selteneren“ Arten werden präzise Daten zu Fundort und -zeit mitgeteilt. Hervorragend — und hoffentlich ein Vorbild für viele nachfolgende Autoren! — ist auch die ausführliche Berücksichtigung der Präimaginalstadien, die sowohl für systematische wie ökologische Fragestellungen so wichtig sind, aber doch immer noch vielfach vernachlässigt werden. Freilich dürfte derzeit für kaum eine tropische Nachtfaltergruppe ein annähernd vergleichbarer Wissensfundus verfügbar sein. Am Rande bemerkt sei, daß die Tafeln zur besseren Ausnutzung des Druckraumes in etwas gewöhnungsbedürftiger Weise produziert wurden (Imagines vielfach in allerlei Winkeln angeordnet, die Tafeln mit den Präimaginalstadien sind komplexe Mosaike in nicht immer betrachterfreundlicher Orientierung). Layout und typographische Gestaltung sind ansonsten rundum gelungen.

Eine Schwäche des gesamten Textes ist es, daß eine große Informationsfülle in unzureichend gegliederter und daher wenig nutzerfreundlicher Weise angeboten wird. So würden Bestimmungsschlüssel (wenigstens für die komplizierteren Gattungen) die Arbeit mit dem Buch mehr erleichtern statt zuweilen langatmige Beschreibungen der Variabilität. Aussagen wie: „ . . . identification of this heterogeneous taxon is difficult, but always safe for the experienced“ (S. 54) konterkarieren beinahe schon die Bemühungen um biologische Systematik als Wissenschaft (und nicht Kunst). Viele Daten zur Phänologie (gerade bei den „häufigeren“ Arten) werden leider nur summarisch referiert (und dabei zugleich oft interpretiert), anstatt sie sauber zu dokumentieren (etwa in Phänogrammen) und Fakten und Interpretation klar zu trennen. Ebenso fehlt eine übersichtliche Synopsis der Futterpflanzennachweise (getrennt nach Freiland- und Zuchtbefunden), und manche Angaben zu Habitatbindungen einzelner Arten sind — zumindest für den Leser, der die zugrundeliegenden Originaldaten nicht kennt — schwer nachvollziehbar. Hier könnte durch straffere Organisation des Textes und nachvollziehbare Präsentation verfügbarer Daten gerade auch dem ökologisch oder verhaltensbiologisch orientierten Nutzer der Zugang wesentlich erleichtert werden. Auch der einleitende Teil zur Ökologie ist nicht frei von kleinen Mängeln; so würde man eine Gliederung der vertikalen Vegetationszonen im Gebirge doch besser anhand der charakteristischen Waldgesellschaften und Bodenverhältnisse vornehmen anstatt mit Begriffen wie „collin“ oder „montan“. Auch die Spekulationen zu den proximaten Ursachen von Phänologie und Populationsdynamik sumatranischer Saturniiden sind nicht allesamt einleuchtend. Vermißt habe ich auch eine Diskussion der Frage, welche Saturniiden vorrangig Tiere der Kronenräume sind. Die vermeintliche „Seltenheit“ mancher Arten mag schlicht ein Sammelartefakt sein, da der Kronenraum für die meisten Entomologen unzugänglich war und wohl auch weitgehend bleiben wird.

Insgesamt ist den Autoren der „Saturniidae of Sumatra“ trotz solcher kleinen Kritikpunkte ein deutliches Lob zu zollen. Sie haben eine enorme Fülle an Detailinformation verarbeitet und in einer modernen Synopsis verfügbar gemacht, die trotz weiterer aktiver Forschung sicher für viele Jahre eine Standardreferenz bleiben wird. Zu wünschen wäre freilich, daß in künftigen Abhandlungen — wo immer dies möglich scheint — auch die jenseits der Taxonomie und Faunistik angesiedelten Interessenten an solchen Regionalfaunen stärker angesprochen werden, wobei vor allem die stärkere Berücksichtigung ökologischer Fakten (und explizite Herausstellung von Wissenslücken!) angesichts des dramatischen Artenschwundes in den Tropenwäldern einen hohen Rang einnehmen sollte.

Konrad Fiedler


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Text bearbeitet fürs Internet durch W. A. Nässig, 21. November 1998